Evangelische Kirchengemeinden Katzenfurt und Daubhausen

Wir sind für dich da!

Gottesdienst zum Nach-Lesen und Nach-Hören

06.09.2020

Die Stimme der Vernunft


Hier finden Sie die Aufnahme des Gottesdienstes in der Kirche als Gottesdienst zum Nach-Hören und Nach-Lesen. Die Text-Datei können Sie herunterladen. Sie können den Gottesdienst auch ausdrucken und weitergeben. Vielleicht gibt es jemanden in Ihrer Nachbarschaft, die oder der gerne diesen Gottesdienst aus der eigenen Gemeinde lesen würde, aber keinen Zugang zum Internet hat. Geben Sie den "Gottesdienst zum Nachlesen" an andere weiter.






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Gottesdienst vom 6. September 2020

Die Stimme der Vernunft

 

 

Orgelvorspiel

von Jan-Paul Götze

 

Votum

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes Amen.

Unsere Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Psalm 119

Lebendiger Gott,

Wie kann ein junger Mensch sein Leben meistern?

Dadurch, dass er sich nach deinem Wort richtet.

Gepriesen seist du, Herr!

Lehre mich, deine Gesetze zu halten!

Über deine Anweisungen will ich nachdenken

und auf die Pfade schauen, die du empfiehlst.

Über deine Gesetze freue ich mich sehr.

Lass mich dein Wort nicht vergessen!

Und lass mich den Weg verstehen,

auf den deine Anweisungen mich führen.

Gib mir die Einsicht, deine Weisung einzuhalten!

Dann will ich sie von ganzem Herzen befolgen.

Lass nicht zu, dass mich sinnlose Dinge ablenken!

Wenn ich deinem Weg folge, ermutige mich!

Dein Wort ist eine Leuchte für meinen Fuß

und ein helles Licht auf meinem Lebensweg.

 

 

Lied: EG 155 Herr Jesu Christ, dich zu uns wend

von Jan-Paul Götze

 

 

Predigt (von Pfr. Ulrich Ries)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

 

Wir leben aber auch in unübersichtliche Zeiten. Menschen bekommen Drohbriefe von rechtsradikalen Rassisten. Die Adressen haben sie auch von Polizeibehörden bekommen. Auf Massendemonstrationen wird unser aller Gesundheit gefährdet, weil Abstands- und Hygieneregeln systematisch verletzt werden. Auf diesen Demos demonstrieren ganz normale Menschen – aus der Mitte unserer Gesellschaft, wie man so sagt – gegen eben diese Regeln für den Schutz der persönlichen Freiheit. Und sie demonstrieren zusammen

-       mit Verschwörungstheoretikern, die die Existenz des Virus leugnen.

-       mit Impfgegnern, die behaupten, mit der anstehenden Zwangsimpfung würden ihnen Mikrochips implantiert, mit denen sie manipuliert werden sollen.

-       mit Rechtsradikalen, Rassisten und Antisemiten mit Reichskriegsflaggen.

-       mit Reichsbürgern, die behaupten, Deutschland sei kein souveräner Staat. Die gründen auf ihren privaten Parzellen eigene Staaten, die sie mit Waffengewalt verteidigen.

-       aber auch mit linken und ökologisch- und friedensbewegten Menschen, die Fahnen mit Regenbogen oder Friedenstaube schwenken.

 

Was haben diese Menschen gemeinsam, dass sie alle zusammen demonstrieren, dass es auf einmal keine Rolle mehr spielt, mit den anderen in einen Topf geworfen zu werden? Schwer zu sagen, vielleicht das eine: Sie sind mit Vernunft nicht zu erreichen! Sie akzeptieren keine Fakten und gute Gründe sind ihnen egal. Argumente erreichen sie nicht. Wie kann das sein, dass jemand auf einer genehmigten Demonstration gegen die unerträgliche Einschränkung seiner Freiheit demonstriert? Das ist ein Widerspruch in sich! Die Freiheit wäre eingeschränkt, wenn er nicht demonstrieren dürfte. Dann hätte er Grund zur Klage. Dass er beim Demonstrieren einen Mundschutz tragen oder Abstand halten soll, um sich selbst und andere vor einem tödlichen Virus zu schützen, darf man erwarten. Das ist kein unzumutbarer Eingriff in die Grundrechte. Das gleiche gilt für Masken in öffentlichen Verkehrsmitteln. Aber wie gesagt, Argumente erreichen diese Menschen nicht. Wir leben in unübersichtlichen Zeiten.

 

Woher kommt das? Ich denke, es fehlt insgesamt an Orientierung. Orientierung bedeutet ursprünglich eine Ausrichtung nach Osten, also nach dem Orient. So sind viele, besonders katholische, Kirchen nach Osten ausgerichtet, übrigens ursprünglich auch unsere Kirche in Katzenfurt. Sie richten sich aus nach der Sonne, dem Symbol für Christus. Orientierung lenkt also den Blick weg von mir auf etwas oder jemanden Größeres. Von ihm erwarte ich Wegweisung.

 

Orientierung bedeutet heute, dass ich mich geographisch zurechtfinde. Aber auch, dass ich mich zurechtfinde im Gestrüpp der Weltanschauungen, Meinungen, Argumente, Behauptungen, Angebote usw. Das fällt vielen Menschen schwer. Sie lassen sich leiten allein von ihren eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Gedanken. Solche Menschen leben egozentrisch. Sie sind sich selbst allein das Zentrum ihres eigenen Kosmos. Alle anderen sind bestenfalls Trabanten. Sie zählen nicht weiter. Diese Egozentrik kann nun ein bisschen erweitert werden auf die eigene Familie, die eigene Bezugsgruppe, den eigenen Verein oder die eigene Partei. Sie liefern die Leitlinien für das eigene Leben. Das ist das Gegenteil von Orientierung, denn Orientierung bedeutet, dass die eigenen Maßstäbe, Werte und Leitlinien immer von außen beeinflusst sind.

 

Wo ist aber nun heute Orientierung zu finden? Wir ChristInnen suchen sie in der Bibel. Für andere Menschen gibt es andere Quellen, klar. Aber schauen wir doch mal in unsere Orientierungshilfe. Dann finden wir im Buch der Sprichwörter Kapitel 2 folgende Hinweise:

 

Mein Sohn, meine Tochter, wenn du nach Vernunft und Einsicht rufst, dann wirst du die Erkenntnis Gottes finden. Denn Gott schenkt Weisheit, aus seinem Mund kommen Erkenntnis und Einsicht. Dann verstehst du Gerechtigkeit, Recht und Aufrichtigkeit, - ja, alle guten Wege.
Weisheit kommt in dein Herz, und Erkenntnis gibt dir Lebensfreude. Besonnenheit wird dich bewahren und Einsicht dich behüten.

 

Also: Vernunft und Einsicht, Weisheit und Gotteserkenntnis geben Orientierung. Das heißt: Wir Menschen sollen nach der Wahrheit suchen, und zwar mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. Und das sind Verstand und Vernunft, Denkvermögen im weitesten Sinne. Mit diesen Werkzeugen sollen wir das beurteilen, was uns begegnet, was wir sehen und hören und fühlen. Wenn wir das tun, schenkt uns Gott Weisheit. Aus seinem Mund kommen Erkenntnis und Einsicht.

 

Mit anderen Worten: Gottes Wort bietet uns Orientierung an! Und das Ziel dieser Orientierung sind Gerechtigkeit, Recht und Aufrichtigkeit.

 

Nun ist das Wort Gottes, wie es uns in der Bibel bezeugt ist, mindestens 2000 Jahre alt. Und das heißt, dass diese Worte, die von Menschen aufgeschrieben wurden, nicht unmittelbar in unsere Wirklichkeit hineinsprechen. In der Bibel steht nichts zu Atomkraftwerken, Computern oder Elektroautos. Aber im Schöpfungsbericht steht, dass wir Gottes Schöpfung bebauen und bewahren sollen. Wie das heute gehen kann, das müssen wir mithilfe unserer Vernunft entscheiden. Dafür hat Gott sie uns mit auf den Weg gegeben. Beurteilungsmaßstab dabei sind Gerechtigkeit, Recht und Aufrichtigkeit.

 

Dabei kann dann durchaus herauskommen, dass das Ergebnis dieses Nachdenkens uns vordergründig widersinnig erscheint. So mag es nach unseren „normalen“ Maßstäben unsinnig erscheinen, dass sich die Tatsache, dass mir jemand am Herzen liegt, darin äußert, dass ich Abstand halte. Darum lässt uns Gott vorsichtshalber durch den Propheten Jesaja ausrichten.

Jes 55, 8-11:

 

Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen,   sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.

 

Gottes Wege für uns sind also nicht zwangsläufig die Wege, die wir nach eigenem Ermessen einschlagen würden. Und doch sollen wir uns an seinem Wort orientieren, denn sein Wort wirkt. Es bewirkt Gerechtigkeit, Recht und Aufrichtigkeit.

 

Und mit der Vernunft, die wir von ihm mitbekommen haben, können wir Gottes Orientierung herunterbrechen auf unsere konkrete Situation. Das ist uns in der Pandemie zunächst ganz gut gelungen. Wir haben Abstand gehalten, um unsere Mitmenschen zu schützen. Nun müssen wir erneut unsere Vernunft einsetzen, um in Zukunft Härten zu vermeiden, die entstanden sind. Wir müssen Wege finden, wie wir andere und auch uns selbst schützen, ohne sie sozial zu distanzieren. Ich denke hier an PatientInnen in den Krankenhäusern und BewohnerInnen in den Altenheimen. Wir müssen darüber beraten, wie wir Gesundheitsschutz und Alltag in Einklang bringen. Vernunft ist da das richtige Werkzeug. Und ich kann auch von Nichtchristen erwarten, dass sie sich Argumenten der Vernunft öffnen. Wer das nicht tut, stellt sich selbst ins Abseits.

 

Im Grunde kann man es kaum besser auf den Punkt bringen, als es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einem Interview gestern in der FR getan hat:

 

„Ich verstehe jeden Wunsch nach Rückkehr zum Alltag, den habe ich auch. Aber das muss nicht heißen: Einfach zurück in die alte Spur! Es kann, wenn wir uns bemühen, eine bessere Normalität werden: Mit wieder erstarkter Wirtschaft, aber mehr Rücksicht aufeinander, mehr Gerechtigkeit, mehr Nachhaltigkeit. Eine Normalität mit weniger Hass und Häme, aber einem ehrlichen Austausch von Argumenten und mehr Engagement fürs gemeinsame Ganze! … Die Krise hat das Schlechteste und das Beste in uns Menschen hervorgekehrt. Und - ja - ich wünsche mir, dass wir möglichst viel von dem, was wir an Positivem erfahren haben, mitnehmen in die Zeit nach Corona. Rücksicht, Solidarität, Zusammenhalt, Verantwortung für andere - alles das ist doch keine Selbstverständlichkeit, gerade weil die persönliche Betroffenheit niedriger war als anderswo.“

 

Wie wir dahin kommen? Nur mit Vernunft! Wir haben sie von Gott. Nutzen wir sie!

Amen.

 

Lied: 678 Wir beten für den Frieden

von Jan-Paul Götze

 

Gebet

Lebendiger Gott.

Wir suchen nach deinem Wort, verborgen in menschlichen Worten.

Wir brauchen deinen Geist, der uns in alle Wahrheit leitet.

Hilf uns, dass wir deine Stimme hören

und annehmen, was du uns sagen willst.

Lass dein Wort nicht untergehen im Meer der vielen unnützen Worte,

die wir täglich hören müssen.

Stärke unsere Aufmerksamkeit für die Worte,

die wir zum Leben brauchen.

Lass dein Wort Widerhall finden in unserem Herzen,

damit wir zu Menschen werden,

die deinen Namen und deine Erde bewahren

und deinen Frieden in der Welt bezeugen,

der höher ist als das,

was wir so oft für vernünftig halten.

Dir sei Ehre in Ewigkeit.

 

So begleite uns Gott mit seinem Segen in die vor uns liegende Zeit.

Wo wir uns nicht mehr gegenseitig anschauen können,

möge er uns gnädig ansehen.

Wo uns die eigenen Worte im Hals stecken bleiben

oder wo sie ungehört verhallen,

möge er uns mit seinem Wort Mut machen und Trost schenken.

Wo wir auf Distanz bleiben, freiwillig oder unfreiwillig,

möge er uns nahekommen und uns in seinen Händen bergen.

Amen.

 

Orgelnachspiel

von Jan-Paul Götze