Evangelische Kirchengemeinden Katzenfurt und Daubhausen

Wir sind für dich da!

Gottesdienst für zuhause

29.03.2020

zum Hören



       



Orgelvorspiel

von Jan-Paul Götze (nur in der Version zum Hören)

 




Begrüßung

Mit blauen Flecken auf der Seele feiern wir Gottesdienst, feiern ihn vereinzelt und isoliert, und feiern ihn doch in der Gemeinschaft aller Christinnen und Christen zu allen Zeiten und an allen Orten, denn wir feiern auch diesen Gottesdienst für zuhause:

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Psalm 46

Gott ist eine starke Zuflucht für uns.

In höchster Not steht er uns bei.

Darum fürchten wir uns nicht,

wenn die Fundamente der Erde schwanken

und die Berge mitten im Meer wanken.

Sollen doch die Wellen schäumen und tosen

und die Berge vor seiner Majestät beben:

Der HERR der himmlischen Heere ist mit uns.

Eine feste Burg ist der Gott Jakobs für uns.

 

Zwischenspiel der Orgel: Ein feste Burg ist unser Gott

von Jan-Paul Götze (nur in der Version zum Hören)

 

 

Predigt (von Pfr. Ulrich Ries)

 

Wie geht es Ihnen, meine Lieben? Ich hoffe, Sie haben sich nicht angesteckt. Und wenn doch, dann wünsche ich Ihnen, dass die Beschwerden nicht so schlimm sind. Hat es Sie doch schwer getroffen, dann: „Gute Besserung.“ Natürlich sollten wir auch die nicht vergessen, die nicht unter Corona, sondern einer anderen Krankheit leiden. Für uns alle bitte ich um Gottes Segen.

Aber wenn ich Sie nach Ihrem Befinden frage, will ich noch auf etwas anderes hinaus, nämlich auf Ihre seelische Verfassung. Vor einer Woche habe ich ja noch ein bisschen flapsig gesagt, dass ich Ausgangssperre gut finde, weil ich so schnell meine Einkäufe erledigen konnte. Nun hat sich aber seitdem ja einiges getan. Wir dürfen ja tatsächlich nur noch zu zweit oder im Familienkreis in die Öffentlichkeit gehen. Das ist noch kein Ausgangsverbot aber eine weitere, deutliche Einschränkung. Und immer wieder wird betont, am besten sei es, allein zu bleiben, zuhause genau wie in der Öffentlichkeit. Und das ist ja auch richtig so.

Aber was macht diese Isolation eigentlich mit uns? Natürlich sind nicht alle isoliert. Viele gehen ja weiterhin zur Arbeit. Und es gibt Berufsgruppen, für die ist der Alltag besonders belastend geworden. Da sind natürlich alle, die im medizinischen Bereich oder in der Pflege arbeiten. Da sind diejenigen, die im Lebensmitteleinzelhandel beschäftigt sind. Da sind noch viele andere, die daran mitarbeiten, dass unsere Gesellschaft intakt bleibt. Ihnen allen können wir gar nicht genug danken.

Abgesehen von der Grundversorgung ist jedoch das gesellschaftliche Leben fast auf null gefahren. Dabei müssen wir ja sagen, dass wir es hier in unserem ländlichen Raum noch guthaben. Viele haben einen Garten. Alle haben wir es nicht weit bis in die Natur. Da können wir wenigstens ohne große Probleme nach draußen. Das sieht in den Städten ganz anders aus. Aber auch bei uns beschränken sich die sozialen Kontakte auf die Familie oder auf Telefonieren und Skypen.

Wir Menschen gehen ja ganz unterschiedlich mit dieser Situation um. Viele haben erst einmal Liegengebliebenes erledigt, haben aufgeräumt und ausgemistet, bis die Deponien wegen Überfüllung geschlossen wurden. Andere nutzen die Internetangebote von Yogalehrern, Fitnesstrainern oder Musikschulen. Wieder andere verabreden sich zum Balkonsport. Wir werden langsam kreativ.

Und doch kann all das nicht verhindern, dass wir lange Strecken unseres Alltags im doch sehr überschaubaren häuslichen Bereich verbringen. Und wir tun es nicht freiwillig! Wir fangen an, darunter zu leiden, dass wir nicht mit anderen zusammen sein können. Es fällt uns schwer zu ertragen, dass wir unserer Verantwortung nicht gerecht werden können, zum Beispiel den Familienmitgliedern gegenüber, die nicht mit uns zusammenwohnen. Wir leiden vor allem auch an der Einsamkeit, die uns auferlegt worden ist.

Wir haben uns das Leben, das wir zurzeit führen, so nicht ausgesucht. Wir sind gezwungen, nach einem Plan zu leben, der nicht unserer ist. Und, meine Lieben, müssen wir nicht zugeben, dass uns das kränkt? Es verletzt unseren Stolz, dass uns das Leben aus der eigenen Hand genommen worden ist. Wir können nicht mehr selbst darüber entscheiden, was wir tun oder lassen wollen. Wir erleiden einen Kontrollverlust. Und das macht Angst!

Wie sollen wir mit dieser Angst umgehen? Wir modernen Menschen sind es doch nicht gewohnt, dass wir nicht mehr frei entscheiden können. Bis vor wenigen Wochen haben wir nach dem Motto gelebt: „Alles ist möglich!“ Wir haben geglaubt, wir selbst seien unseres Glückes Schmied.

Doch haben wir uns damit nicht etwas vorgemacht? Ich denke, wir hatten unser Leben noch nie komplett in den eigenen Händen. Überlegen Sie doch mal! Das fängt schon ganz klein an. Wenn meine Frau mich fragt: „Kannst du mir mal schnell was an deinem Drucker ausdrucken?“, dann passiert oft folgendes: Der Drucker fängt erst einmal an, sich zu kalibrieren. Das dauert dann ein paar Minuten. Von wegen mal eben schnell! Und ich kann es nicht unterbrechen. Oder haben Sie mal versucht, sich einen Internetzugang einzurichten? Ich kann das nicht. Ich brauche Hilfe. An solchen Stellen habe ich das Leben keineswegs selbst in der Hand. Und im Großen wird es auch nicht besser. Auch da machen wir die Erfahrung, dass es ganz anders kommt, als wir es auch noch so gründlich geplant haben. Natürlich sind diese Beispiele nicht so gravierend wie das, war wir alle im Moment erleben. Doch wird uns zurzeit nur ganz besonders schmerzlich bewusst: Wir halten unser Leben nicht in den eigenen Händen. Diese Erfahrung teilen wir mit dem Beter von Psalm 31. Er bekennt in den Versen 15+16 (Übersetzung der Basisbibel):

Du bist mein Gott! In deiner Hand liegt meine Zukunft.

Wir halten unser Leben nicht in den eigenen Händen, aber das müssen wir auch nicht, weil Gott es in seinen Händen hält. Natürlich schenkt er uns ein großes Maß an Freiheit und viele Gestaltungsspielräume, innerhalb derer wir entscheiden und uns entfalten können. Aber Gott bestimmt den Rahmen, in dem das stattfindet. Und er ist da, wenn uns unser Leben zu entgleiten droht. Dann fängt er uns auf und macht uns immer wieder neue Anfänge möglich. Wir können nie tiefer fallen als in Gottes Hand. In seinen Händen liegt unsere Zukunft.

Darum kann der Dichter von Psalm 31 in den Versen 2+6 auch beten:

Bei dir, HERR, suche ich Zuflucht!

Enttäusche mich nicht, zu keiner Zeit!

In deine Hand lege ich mein Leben.

Gewiss wirst du mich befreien, HERR.

Unser Leben liegt in Gottes Hand. Er wird uns befreien, auch aus unserer gegenwärtigen Bedrohung und Isolation. Obwohl, eigentlich muss uns Gott nicht erst noch befreien. Wir sind schon befreit. Wir merken es nur vielleicht noch nicht, weil es uns nicht bewusst wird. Wir sind bereits befreit zu solidarischem Handeln. Unsere ganze Gesellschaft legt sich selbst in Fesseln, um die Schwachen, die Alten, die Vorerkrankten zu schützen. So schreibt es Giovanni di Lorenzo in der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 19.03.2020. Und er hat recht! Wir üben tätige Solidarität, indem wir Abstand halten. Giovanni di Lorenzo bezeichnet das als „eine nie da gewesene Demonstration der Mitmenschlichkeit“. „Nächstenliebe“ nennen wir Christen das. Dazu sind wir von Gott befreit, denn er hält unser Leben in seiner Hand.

Seit Freitag allerdings befürchte ich, dass die Solidarität und Nächstenliebe bröckeln könnte. Es werden nämlich erste Szenarien entworfen, wie die Beschränkungen unseres Lebens in der Öffentlichkeit langsam gelockert werden könnten. Und diese Szenarien sehen nicht nur eine Isolation der Erkrankten, sondern auch der Risikogruppen vor. Werden in Zukunft doch wieder spezielle Kolonien eingerichtet wie zu Zeiten von Lepra und Pest? Das dürfen wir nicht zulassen, denn es entsolidarisiert unsere Gesellschaft.

Nutzen wir lieber die Freiheiten, die Gott uns geschenkt hat. Und vertrauen Sie darauf: Er hält die ganze Welt in seiner Hand. Ergreifen Sie seine Hand! Und gehen Sie mit ihm mutig in die Zukunft.

 

Lied: Er hält die ganze Welt in seiner Hand.

(gespielt und gesungen von Thomas Fricke)

(nur in der Version zum Hören)

 

 

Gebet

Mit unsrer Macht ist nichts getan,

wir sind gar bald verloren;

es streit' für uns der rechte Mann,

den Gott hat selbst erkoren.

Fragst du, wer der ist?

Er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth,

und ist kein andrer Gott,

das Feld muss er behalten. (Martin Luther)

 

So begleite uns Gott mit seinem Segen in die vor uns liegende Zeit.

Wo wir uns nicht mehr gegenseitig anschauen können,

möge er uns gnädig ansehen.

Wo uns die eigenen Worte im Hals stecken bleiben

oder wo sie ungehört verhallen,

möge er uns mit seinem Wort Mut machen und Trost schenken.

Wo wir auf Distanz bleiben, freiwillig oder unfreiwillig,

möge er uns nahekommen und uns in seinen Händen bergen.

Amen.